Überhaupt mal lernen wäre ein Anfang

Wer hätte gedacht, dass ich in diesem Blog je wieder was Linguistisches schreiben würde? Aber der Artikel „Lernen von den Räubern“ auf Zeit Online schreit förmlich danach auseinandergerissen zu werden…

Kurzum geht es in dem Artikel darum, dass zwei „Wissenschaftler“ nachgewiesen haben wollen, dass das Englische keine westgermanische Sprache sei, sondern eine nordgermanische, also skandinavische. Das Altenglisch sei von den Wikingern verdrängt worden, das heutige Englisch habe sich dann aus dem Altnordischen herausentwickelt, statt, wie bislang angenommen, aus dem Altsächsischen.

Schon der Teaser-Text lässt vermuten, dass der Autor des Artikels nicht wirklich in dem Feld Bescheid weiß, über das er zu schreiben hatte:

Von wegen germanisch – stammt das Englische ursprünglich von den Wikingern?

Dass die Sprache der Wikinger, also Altnordisch, selbst eine germanische Sprache ist, hätte man nach 5 Minuten googlen herausbekommen können. Und überhaupt hatte der Autor wohl einige Probleme, die Begriffe „germanisch“ und „deutsch“ einzuordnen:

Das Idiom der Insel [gemeint ist England, Anm.] sei keine deutschstämmige, von Angeln und Sachsen zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert von Jütland her importierte Sprache, wie die Fach- und Laienwelt bislang annahm.

Das damit gemeinte Altsächsisch ist kein „deutsch“, wie das Attribut „deutschstämmig“ vermuten ließe, sondern eine lokale Weiterentwicklung der Sprache, aus dem sich auch das herausentwickelt hat, was man heute „Deutsche Sprache“ nennt. In das gleiche Fettnäpfchen tritt er auch mit folgender Behauptung:

Im herkömmlichen Schema bilden Westgermanisch, Nordgermanisch und das mit einem Kreuz versehene, weil ausgestorbene Ostgermanisch-Gotische die Hauptgruppen der deutschen Sprachen.

die angesprochenen „deutschen Sprachen“ gibt es nicht! Es gibt die germanischen Sprachen, aber germanisch ist nicht gleich deutsch.

Einer der beiden „Wissenschaftler“, so lässt uns der Artikel wissen, ist Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. Eine Information, die hier wohl einzig und allein dem Zweck dienen soll, die fachliche Autorität und Seriösität des Ideengebers für den Artikel zu unterstreichen, auch wenn für den weiteren Verlauf der Geschichte überhaupt keine Rolle spielt und ihre Intention stark in Zweifel gezogen werden darf.

Weiter schildert der Autor im Artikel, wie die beiden „Wissenschaftler“ auf die Idee, das Englische könne eine nordgermanische Sprache sein, gekommen sind:

Faarlund und Emmonds suchten ursprünglich eine Antwort auf ein altes Rätsel der Sprachwissenschaft: Warum unterscheidet sich die englische Grammatik so grundsätzlich von der ihrer vermeintlichen Schwestersprachen Deutsch und Niederländisch?

Zunächst mal ist mir neu, dass es sich dabei um ein Rätsel handelte, ging ich doch bislang davon aus, dass eine strukturelle Vereinfachung im Laufe einer Sprachentwicklung eher zu erwarten als ein Rätsel ist, aber geschenkt. Die Feststellung der Beiden hierauf ist, dass

[sich] in fast allen Fällen, in denen das Englische [bezüglich syntaktischer Eigenschaften vom Deutschen bzw. Niederländischen, Anm.] abweicht, dämmerte es Faarlund, […] dessen Satzbau mit der Syntax seiner Muttersprache [deckt].

Die Muttersprache wäre in dem Fall Norwegisch, wobei sich nicht sagen lässt, welche der beiden norwegischen Sprachen, Nynorsk oder Bokmål, gemeint ist. Offen bleibt auch, ob die Syntax in den Fällen, wo sich das Englische nicht vom Deutschen oder Niederländischen unterscheidet, ebenfalls mit dem Norwegischen deckt. Davon abgesehen ist es ziemlich sinnlos, das heutige Englisch mit dem heutigen Norwegisch direkt zu vergleichen, wenn man die Gleichheit einer früheren Sprachstufe belegen will. Was man hingegen vergleichen kann, um das zu zeigen, ist die Entwicklung beider Sprachen hin zu dem, was sie heute sind, wie gleich deutlich werden wird. So heisst es in dem Artikel weiter:

Traditionalisten beweisen die Zugehörigkeit des Englischen zum westgermanischen Sprachstamm mit der Wortähnlichkeit.

Nein, das tun nur Pseudowissenschaftler und Laien, die von diachroner Sprachwissenschaft keine Ahnung haben. Worauf es eigentlich ankommt ist die Regelhaftigkeit, mit der sich Wortähnlichkeiten herleiten lassen.

Dazu ein Beispiel. Wir vergleichen die Wortpaare „drei“ <-> “three”, „dies“ <-> “this” und „dank“ <-> “thank”. Es fällt sofort auf, dass diese Worte jeweils ähnlich klingen, doch reicht es nicht, davon jetzt auf eine Verwandschaft zu schließen, es könnte ja sein, dass diese Worte von der einen in die andere Sprache entlehnt wurden. Was fehlt ist eine Regelmäßigkeit. Das ist hier gegeben: Wir sehen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem /d/ am Anfang eines deutschen, und dem /ð/ am Anfang eines englischen Wortes (geschrieben als <th>) zu geben scheint. Also nehmen wir an, dass es irgendwann mal eine gemeinsame Sprachstufe gegeben hat, wo diese Wörter an der Stelle noch identisch waren und ein Proto-d oder ein Proto-ð an ihrem Anfang hatten. Dann haben sich die Sprecher getrennt und die einen haben den Proto-Laut beibehalten, die anderen haben ihn zum /d/ (oder zum /ð/, je nachdem, was man als Proto-Laut identifizieren und belegen kann) weiterentwickelt. Die Möglichkeit, dass es einen dritten Proto-Laut gegeben haben könnte, aus dem sich sowohl /d/ als auch /ð/ heraus entwickelten, lassen wir jetzt mal der Einfachheit halber außer acht. Dann prüfen wir unsere Hypothese, denn sie macht eine klare Vorhersage: Überall, wo der Proto-Laut auftaucht, müssen wir in den beiden Zielsprachen die Analogie der Veränderung erkennen können. Wir schauen also nach und finden weitere Wortpaare, wo sich diese Regel bestätigt: „Ding“ <-> “Thing”, „Dorn“ <-> “Thorn”, aber auch „die“ <-> “the”, „dass“ <-> “that”, usw. Irgendwann werden wir an einen Punkt kommen, wo das nicht mehr zutrifft, etwa bei „Dorf“ <-> “Village”. Für solche Fälle brauchen wir zusätzliche Annahmen. Bekannt aus der englischen Geschichte ist, dass England lange Zeit von den Normannen und ihrem Französisch beeinflusst wurde; dass es sich bei “village” um ein französisches Lehnwort handelt, welches das ursprüngliche englische Wort für „Dorf“ verdrängt hat, sollte dann offensichtlich sein. Finden wir aber solche Regeln und Erklärungen für sehr viele Fälle von Wortähnlichkeiten, ist das ein starkes Indiz dafür, dass die beiden entsprechenden Sprachen miteinander verwandt sind, das heisst, sich aus derselben Ursprache heraus entwickelt haben.

Der norwegische „Wissenschaftler“ scheint diese Methode zu kennen, jedoch nicht viel mit ihr anfangen zu können:

Ihnen zufolge stammt das englische I im ersten Beispiel [“i have read a book”, Anm.] vom althochdeutschen ih ab, have von Althochdeutsch habèn,read vom altsächsichen radan und book von Althochdeutsch buoh. Nur weil das Wort “Kaffee” in den meisten Sprachen vorkomme, seien die doch nicht verwandt, hält der rebellische Norweger dagegen. Außerdem: Könnte das englische I nicht genauso gut dem Altnordischen ek und die anderen Vokabeln des Satzes mit den altnordischen Begriffen hafa, rátha und bók verwandt sein?

Natürlich kann es das. Ist es auch, das bestreitet niemand ernsthaft, eben weil die englische und die norwegische Sprache nachweislich miteinander verwandt sind, wie auch das heutige Deutsche und das heutige Norwegische verwandt sind. Es geht doch aber nicht um die Frage, ob sie verwandt sind, sondern zu welchem Grad.

Der „Wissenschaftler“ wird konkreter:

Die Angeln und Sachsen sagten niman, ähnlich dem deutschen “nehmen”. Im Englischen gibt es das Verb nicht mehr, heute sagt man take – das komme vom skandinavischen taka. Nicht anders stehe es um they und them, die ähnelten den skandinavischen dey und dem, nicht den deutschen “sie” und “ihnen.” Das treffe auf Tausende Vokabeln zu.

Es mag durchaus richtig sein, dass “take”, “them” und “they” Lehnwörter aus dem Altnordischen sind, soweit ich weiß ist das auch allgemein anerkannt in der historischen Sprachwissenschaft des Englischen. Ob er die nicht-Aussagekraft der Ähnlichkeit isolierter Wörter (auch wenn es „Tausende“ sind) sowie die Methodik der Analyse von Lautverschiebungen entweder nicht versteht oder sie schlicht ablehnt, wird meiner Ansicht nach nicht deutlich. So oder so sagt das aber viel über die wissenschaftliche Qualität seiner Arbeit aus, welcher der Zeit-Artikel zu Grunde liegt.

Einem richtigen Sprachwissenschaftler dürfte es indes leicht fallen, die kruden Thesen des Norwegers und seines tschechsichen Kollegen zu widerlegen, nämlich indem er oder sie nachweist, dass sowohl das Englische als auch das Deutsche (kurz alle westgermanischen Sprachen) eine lautliche Entwicklung durchgemacht haben, welche alle skandinavischen (also nordgermanischen) Sprachen nicht durchgemacht haben. Damit wäre nachgewiesen, dass sich die skandinavischen Sprachen von einer gemeinsamen Ursprache abspalteten, bevor sich das heutige Englische und das heutige Deutsche auseinanderentwickelt haben, was bedeutet, dass das Englische eine westgermanische, nicht aber eine nordgermanische Sprache ist. Ohne jetzt eine Literaturrecherche gemacht zu haben – es würde mich schon sehr wundern, wenn eben dieser Nachweis nicht längst erbracht wurde.

Der Artikel jedenfalls schweigt sich über diese Möglichkeit aus, verkauft unwissenschaftlichen Unfug als bahnbrechende neue Erkenntnis und gibt Pseudowissenschaftlern, Akademiemitglied hin oder her, eine Plattform, die weder sie noch ihre Theorien verdienen.

Update (5 Minuten oder so später): Die Linguisten aus der sprachlog-WG haben die Arbeit des norwegischen Wissenschaftlers schon vor Monaten auseinander genommen. Hier gehts lang.

Warum -gate?

Gestern hatten sich gleich zwei Linguistik-Blogs mit meinem Vorschlag für den Anglizismus des Jahres 2011, -gate, beschäftigt. Zum einen hätten wir da Kristin Kopfs Beitrag in ihrem Blog [ʃplɔk] (im Weiteren „Kristin“) und zum anderen Susanne „Suz“ Flach’s1 Beitrag in ihrem Sprachblog */ˈdɪːkæf/ (im Folgenden „Suz“).

Warum -gate?

Zunächst ein paar Worte zur Nominierung und meiner Begründung derselben.

Allem voran freut es mich, dass ich ein wichtiges Ziel, das ich bei der Nominierung im Sinn hatte, bereits etappenweise erreicht habe: Es wird drüber geredet und das mit notwendiger Tiefe.

Der wohl einzige Grund, warum ich die Wahl zum Anglizismus des Jahres überhaupt unterstütze, liegt darin, dass man sie als Aufhänger für eine populärwissenschaftliche Betrachtung sprachwissenschaftlicher Themen heranziehen und damit die Sprachwissenschaft als solche einem breiteren Publikum nahe bringen kann. Meiner Meinung nach eignet sich das Affix (?) -gate dafür hervorragend: Um zu erklären, was es damit auf sich hat, was die Besonderheiten dieses Wortes oder Wortteiles sind, muss man recht tief in die Linguistik einsteigen; und das auf mehreren Ebenen, darunter Morphologie, Semantik, Etymologie, Pragmatik und (vielleicht) Phonologie.

Genau das tun Kristin und Suz, also hätte ich mein Ziel im Prinzip bereits erreicht.

Morphologie

Meine Intuition bei der Nominierung war, dass es sich bei -gate um ein so genanntes gebundenes Morphem handelt. Das sind Wortteile, die nur in Verbindung mit anderen Wörtern oder Wortteilen auftauchen können, aber nicht alleine. Ein klassisches Beispiel dafür wäre die Himbeere. Das ist ein zusammen gesetztes Wort, das aus den Teilen him und beere besteht. Beere ist ein eigenständiges Wort, genauer: ein freies Morphen, d.h. wir können es allein verwenden, wie in Ich esse leckere Beeren, oder es an andere Wörter anhängen:

  • Erd-Beeren,
  • Blau-Beeren,
  • Braun-Bären…

Bei diesen Beispielen sind auch die jeweiligen Erstglieder freie Morpheme, die wir wiederum alleine oder an Anderes angehängt verwenden können:

  • Ich esse blaue Beeren
  • Ich trinke Blausäure
  • Ich esse Erde
  • Ich esse Erdäpfel2

Mit dem him aus Himbeere ist das aber nicht möglich. Dieses him ist an die Tatsache gebunden, dass es nur in Verbindung mit einem anderen Morphem verwendet werden darf, in diesem speziellen Fall sogar daran, dass es an das Morphem beere gebunden ist (Zumindest fällt mir kein heute noch geläufiges Beispiel ein, wo man dieses him noch anders verwenden kann).

Meine Annahme bei der Nominierung von -gate war nun, dass es sich dabei von seiner Natur her um dasselbe wie him handelt: Ein gebundenes Morphem, das man (zumindest im Deutschen) nur in Verbindung mit einem anderen Wort oder Wortteil verwenden kann.

Spätestens seit diesem Artikel in der F.A.Z. vom 21. Januar diesen Jahres weiß ich aber, dass Gate sich inzwischen morphologisch verselbständigt hat, also auch frei verwendet werden kann. Suz geht im Abschnitt Kompositum? ihrer Analyse auf weitere Beispiele für eine freie Verwendung ein und ich würde hier einlenken und zustimmen, dass gate nicht (mehr) zwangsweise gebunden sein muss. Eine hochaktuelle Entwicklung, dennoch.

Semantik

Neben der Frage nach der Wortart von Gate selbst ist auch die nach der Wortart der mit ihm gebildeten Komposita nicht uninteressant. Kristin vertritt die Auffassung, dass mittels -gate gebildete Wörter Eigennamen seien.

Eigennamen gehen mit einigen Eigenschaften einher. Wenn -gate-Komposita tatsächlich Eigennamen sind, sollten sich diese Eigenschaften dort wiederfinden lassen.

Eine Eigenschaft von Eigennamen ist, dass sie sich auf ein fest definiertes Ereignis oder eine feste (möglicherweise ein-elementige) Menge von Individuen beziehen. Namen von Personen beziehen sich auf die damit benannten; Die Oktoberrevolution von 1917 bezieht sich auf eben dieses Ereignis im Russland des ausgehenden langen 19. Jahrhunderts; Patrick Schulz aus Leipzig bezieht sich auf eben die Person, die diese Zeilen hier verfasst hat; Der Watergate-Skandal bezieht sich auf eben diesen Skandal, der den zukünftigen Earth-Präsident, Richard Nixon, dazumal zu Fall brachte. Was die -gate-Komposita betrifft, stimme ich Kristin bei der Analyse der Wortklasse zu.

Doch haben wir oben bereits herausgefunden, dass Gate sich inzwischen verselbständigt hat. Bezeichnet wird damit ein unbestimmtes Element der Menge der mittels -gate benannten Ereignisse oder, im Plural entsprechend, eine (unechte) Teilmenge derselben Menge. Damit gehört Gate zur selben Wortklasse wie beispielsweise das Wort Revolution, welches zwar in Verbindung mit anderen Teilen (wie Oktober, s.o.) durchaus einen Eigennamen bilden kann, selbst aber kein Eigenname ist, sondern schlichtweg eine Bezeichnung für eine Menge von Ereignissen.

Etymologie

Auch die Geschichte von -gate ist eine interessante Sache. Zuerst war da dieser Gebäudekomplex im Herzen von Washington, D.C., das den Namen Watergate complex trug. Dort war in den späten 1960ern und frühen 1970ern die Wahlkampfzentrale der amerikansichen Demokratischen Partei untergebracht. Unter Verantwortung des damaligen US-Präsidenten Richard M. Nixon, einem Republikaner, sollte eine Gruppe von mehreren Einbrechern Abhörwanzen im Komplex installieren. Kurz und knapp, die fünf Einbrecher ließen sich vom Wachschutz erwischen. Der US-Kongress rief daraufhin eine Untersuchungskommission ins Leben, welche die Hintergründe des Einbruchsversuches ergründen sollte und letztlich eine Menge Schmutz an die Öffentlichkeit förderte. Dieser Einbruch im Watergate-Komplex war dabei nur die Spitze des Eisberges, doch gab die dem ganen Skandal ihren Namen: Im Abschlussbericht wurde offiziell von der Watergate-Affäre gesprochen.

Nun war Watergate beileibe nicht der letzte Skandal, den die politische Landschaft zu verantworten hatte oder über sich ergehen lassen musste. Weitere folgten, überall auf der Welt. Aber auch für die brauchte man ein medienwirksames Schlagwort. Was die Benennung von Ereignissen angeht, erst recht, wenn es schnell gehen muss, sind Menschen reichlich unkreativ. Da wird geklaut und gemashupt, dass selbst megaupoad neidisch geworden wäre. Also sprach man vom „deutschen Watergate“ (Zeit, 1973, via Kristin), vom „klein-Watergate“, aber immer noch mit direktem Bezug zum „originalen“ Watergate. Mitunter hat sich das Water aber mehr und mehr verflüssigt und nur -gate ist an fester Substanz übrig geblieben um die vielen neueren Skandale zu bezeichnen, auch im Deutschen. (Für weitere Beispiele sei auf Kristin und Suz verwiesen).

Aus linguistischer ließt sich das wie folgt: Zunächst war da ein fester Eigenname für einen Gebäudekomplex, der sich (möglicherweise zufällig) in zwei Teile zerlegen lässt, nämlich water- und -gate.

Durch ein konkretes historisches Ereignis („Aufdeckung des Einbruchsversuches“) wurde das vermeintiche Kompositum mit einer neuen Bedeutung versehen („den Watergate-Skandal“). Diese neue Bedeutung wurde nun wiederum erweitert und das Kompositum bezeichnete gleich eine ganze Reihe von Ereignissen, die irgendwie an den „Watergate-Skandal“ erinnerten: Watergate hatte seinen Status als Eigennamen vorübergehend verloren und war nun ein produktiv zur Kompositabildung verwendbares Substantiv.

Aus (vielleicht nicht ganz so, s.u.) zufälligen Gründen hat sich dann aber nur -gate durchgesetzt, das diese Rolle als Platzhalter für eine Gruppe von Ereignissen („Skandale“) übernahm. „Zufällig“, weil sich prinzipiell auch, statt -gate, der Bestandteil water- als Platzhalter hätte durchsetzen können.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich auch das Erstglied eines eigennamigen Kompositums in dieser Art verselbständigen kann um in Verbindung mit anderen Wörtern wieder einen Eigennamen zu bilden, ist übrigens Occupy, das von der Bezeichnung Occupy Wallstreet herrührt und ebenfalls als AdJ2011 zur Wahl steht. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen occupy- und -gate liegt meiner Meinung nach darin, dass man Occupy seinen Status als gebundenes Morphem bzw. Teil eines Kompositums der Getrenntschreibung wegen nicht ansieht.

Pragmatik

Doch zurück zum gate. In meinem Nominierungskommentar hatte ich angegeben, dass man mit ihm gebildete Komposita hauptsächlich verwendet, um die Angewohnheit mancher Medien zu persiflieren, dass irgendwelche Ereignisse zu Skandalen aufgebläht werden, die eigentlich keine sind.

Sollte dies stimmen, hätte -gate eine weitere Bedeutungsveränderung durchlebt: Weg vom echten Skandal und hin zum künstlich erzeugten.

Kristin wies (richtigerweise) darauf hin, dass dies nicht ganz der Wahrheit entspricht: -gate wird nach wie vor auch dazu verwendet, echte Skandale als solche zu benennen.

Was die Pragmatik, also die „Wissenschaft“ von der Verwendung sprachlicher Ausdrücke, angeht, eröffnen sich auch hier interessante Untersuchungsfelder. Meine Einschätzung war meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet. Ich bin viel auf Twitter unterwegs und folge dort hauptsächlich zwei Gruppen von Twitterern: Linguisten und Piraten. Letztere haben seit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus eine ungeahnte Medienaufmerksamkeit erfahren. Aufgrund ihres gelebten Verhältnisses zu Offenheit kommen von denen weit mehr Fehltritte an die Öffentlichkeit als von anderen Parteien, meist harmlose Geschichten, die aber breit durch die Medien getragen werden. Piraten wissen selbstverständlich um diesen Umstand und machen sich nicht selten darüber lustig. Dies geschieht (u.a.) dadurch, dass diese an sich schon künstlich aufgeblähten Skandälchen ironisierend noch weiter aufgeblasen und zu „Publicity-Katastrophen von Watergate-ähnlichen Ausmaßen“ erklärt werden.

Außerhab des Piratenschiffes jedoch hat sich diese überspitzende Verwendung von -gate-Komposita augenscheinlich noch nicht so stark durchgesetzt.

Das ist aus pragmatischer Sicht interessant, da man hier die Registerabhängigkeit einer Wortverwendung sehen kann. Als Register bezeichnet man in der Pragmatik den außersprachlichen Kontext, in dem eine sprachliche Äußerung getätigt wird: Wer Pirat oder den Piraten medienkritisch nahestehend ist, verwendet -gate-Komposita (i.d.R.) ironisierend, alle übrigen verwenden sie in ihrer ursprünglichen Lesart. (Achtung, stark vereinfachte Darstellung!)

Eine weitere interessante Frage wäre hier, ob diese ironisierende Nebenbedeutung auch im englischen Sprachraum zu beobachten ist, wo -gate ja herkommt.

Phonologie (?)

In meiner Nominierung habe ich die Vermutung geäußert, dass gate-Komposita auch aus phonologischer Sicht interessant sein könnten. Mein Beispiel war Guttengate, der „Skandal“ um die Benennung von Herrn von und zu Guttenberg als Berater der Europäischen Kommission für Fragen, „wie Internetnutzer, Blogger und Cyberaktivisten in autoritär regierten Ländern auf Dauer unterstützt werden können“ (wobei ich mir hier ob der intendierten Lesart von -gate nicht sicher bin…). Ich fand auffällig, dass man nicht *Guttenberggate sagt, sondern guttengate und vermutete, dass -gate ein Morphem ist, das sich an höchstens zweisilbige Wörter anhängt.

Kristin schlug aber eine alternative Erklärung für den Vorzug von Guttengate gegenüber *Guttenberggate vor, die auch mir im nachhinein plausibler erscheint: Es ist eine Analogiebildung zum etablierteren Guttenplag (-Wiki), das damals bei der Aufdeckung des Freiherren dunkler Machenschaften mediale Aufmerksamkeit erlangte und sich im lexikalischen Gedächnis der Sprecher festgesetzt haben dürfte. Auch erscheint mir ein Wort wie Piratengate trotz seiner Mehrsilbigkeit nicht zwangsweise unwohlgeformt; meine überstürtzte Vermutung phonologische Beschränkungen betreffend war also tatsächlich falsch.

Wo die Phonologie allerdings eine (nebengeordnete) Rolle gespielt haben könnte, wäre die Entscheidung, warum sich ausgerechnet -gate durchgesetzt hat und nicht etwa water-. Neben der Tatsache, dass „water“ an sich im englischen viel frequenter ist als „gate“, könnte hier eine Rolle spielen, dass gate mit nur einer Silbe kürzer ist als water und deswegen eher dazu tendiert sich zu verselbständigen als der längere, weil zweisilbige, Bestandteil „water“. Auch hier könnte -gate ein Ansatzpunkt für die Frage sein, ob bei solchen Abspaltungen die (autosegmentale) Länge des sich verselbständigten Teiles tatsächlich eine Rolle spielt, oder nicht.

Zusammenfassung

Es sind nun vier Stunden, sieben Tassen Kaffee und sechs Bildschirmseiten in der voreingestellten Bonsai-Schrift vergangen und ich habe nicht einmal die Oberfläche dessen angekratzt, was man vom Morphem oder Wort -gate ausgehend an sprachwissenschaftlichen Themen anreißen könnte:

  • Man könnte was über gebundene Morpheme schreiben, wie sie entstehen (Das him aus Himbeere stammt z.B. von mhd. *hinde, Hirschkuh ab, ein Wort, das heute allenfalls noch Jägern bekannt sein sollte; Eine Himbeere ist also wörtlich eine Hirschkuhbeere), welche Eigenschaften sie haben, usw.
  • Man könnte von -gate ausgehend über die semantischen Eigenschaften von Eigennamen schreiben und wie, im Fall von komplexen Eigennamen, aufgebaut sein können; Welche Eigenschaften die Bestandteile eines komplexen Eigennamen haben…
  • Welche Entwicklungen ein Wort wie „Watergate“ durchmacht, bevor es zerlegt, verändert und abgewandelt in unserer Sprache als registerabhängiges Morphem für eine ironisierende Lesart verwendet wird;
  • Welche Rolle phonologische Eigenschaften bei Entlehnungen spielen oder auch nicht…

Anglizismus des Jahres 2011?

Zuletzt noch ein paar Worte bezüglich der Eignung von -gate als AjD2011.

Gerechtfertigter Weise wenden sowohl Suz, als auch Kristin, als auch einige Kommentatoren ein, dass -gate mindestens seit 1973 im Deutschen verwendet wird und damit nicht aktuell genug ist, um als AdJ 2011 in Frage zu kommen.

Die Idee, -gate zu nominieren, war, wie oben bereits erwähnt, meinen Twitter-Aktivitäten geschuldet. Dort konnte ich kurz nach der Berlinwahl und der damit verbundenen Medienaufmerksamkeit um die Piraten einen (gefühlten) sprunghaften Anstieg der Verwendung von -gate in der Ironie-Lesart beobachten. Gut möglich, dass diese Entwicklung nur von Leuten nachempfunden werden kann, die die entsprechenden Kanäle verfolgen.

Blendet man Piraten und Piratenähnliche aus, dürfte sich zunächst an der Art der Verwendung und an der Häufigkeit des Auftretens von -gate anno 2011 nicht allzu viel verändert haben.

Betrachtet man auf der anderen Seite nur Piraten und -ähnliche, ist die Häufigkeit im letzten Drittel des Jahres geradezu expoldiert, einhergehend mit dem explosionsartigen Anwachsen der Aufmerksamkeit, die der Partei und ihren Mitgliedern nach Berlin zu Gute kam und dem ebenso schnell wachsenden Aufdecken von kleineren Sauereien seitens der Parteimitglieder.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will nicht behaupten, dass -gate nur von Piraten, nur ironisierend oder auch nur in Bezug auf die Skandälchen der Partei verwendet wird; doch waren sie die ersten, die -gates in inflationärem Unfang verwendeten, weil sie die ersten waren, die derart oft ein künstliches mediales Aufblasen ihrer Fehltritte verkraften und verarbeiten mussten.

Vielleicht ist genau das ein Argument gegen Adj2011, aber ich prophezeie mal, dass -gate in diesem Jahr noch weit öfter ironisierend verwendet werden wird als noch in den vergangenen Jahren, und das nicht nur von Piraten.

Alternativen?

Auch schon oben kurz erwähnt, sehe ich, was die hier dargelegten Gedanken zum Skandalisierungsmorphem angeht, keinen Unterschied zwischen „-gate“ und seinem Konkurrenten „Occupy“, außer dem der Schreibung (Die relative Ordnung der Bestandteile damit gebildeter Komposita lasse ich mal außen vor…).

Dass ich -gate vorgeschlagen habe, lag schlicht daran, dass mit occupy jemand schneller war. Was die formalen Eigenschaften angeht, kann man alles, was ich hier und anderso über -gate geschrieben habe, 1:1 auf occupy übertragen (’till there’s evidence to the contrary).

Realistisch betrachtet ist Occupy damit mein persönlicher Favorit für den AdJ2011, icht zuletzt weil sich hier nicht die Frage nach der Aktualität stellt, auch wenn ich, anders als bei -gate, befürchte, dass „Occupy“ mit dem sich abzeichnenden Ende der dahinerstehenden Bewegung ebenfalls wieder aus dem produktiven Sprachschatz verschwinden wird. Nicht zuletzt kann man „occupy“ folgerichtig gleichermaßen als Basis für populärwissenschafltiche Linguistik benutzen wie -gate.

Und nur darum geht es (mir) bei der Wahl zum AdJ.


  • 1 Das Deppenappostroph hier, damit man nicht /flaks/ ließt…
  • 2 aka „Kartoffeln“

Linguistische Parawissenschaft

Im DRadio „Wissen“ gab es heute einen Beitrag über die netzinterne Rezeption der Titelgeschichte der Augustausgabe der GEO über „Medizin und Alternativmedizin“ (im weiteren: Pseudo-Medizin).

Über die ganze Pseudo-Medizin-Geschichte gibt es inzwischen Blogbeiträge, Diskussionen und Facebook-Kommentare wie Sand am Meer. Auch ich habe zu der ganzen Problematik eine Meinung, darf und will sie aber aus vornehmlich beruflichen Gründen hier und anderswo nicht breittreten. Außerdem gibt es nichts, was nicht schon über das Thema gesagt und geschrieben wurde; eingestreute Links sind selektiv.

Mir geht es um etwas anderes, gehört in oben verlinktem Beitrag (im mp3-Mitschnitt, nicht im Begleittext). Die Hintergründe dürften bekannt sein: Sprachlogger Anatol Stefanowitsch hat in einem aktuellen Beitrag die Wortwahl der GEO-Autorin genauer unter die Lupe genommen. Dafür wurde er von den DRadio-Moderatoren mit einer Nennung bedacht, hier eine (eigene) Transkription der entsprechenden Sequenz (Beginnend bei Minute -1:42):

A: Manche andere wiederum, ein Blogger hier, der analysiert die GEO-Antwort bis ins letzte Detail. Etwa Anatol Stefanowitsch, er betreibt das Blog „Sprachlog“ und ana- analysiert dort Personen und Dinge anhand ihrer- Sprache; also der nimmt- nimmt dem- den GEO-Facebook-Eintrag so Wort für Wort auseinander-[saugt deutlich hörbar Luft ein]

B: Klingt für mich allerdings auch’n bisschen nach Parawissenschaften, diese Sprachwissen- Analyse- Und insgesamt* klingt’s einfach n bisschen nach Besserwisserei

A: Ja, den Eindruck könnte man in der Tat bekommen. Also auf der einen Seite da analysieren die Wissenschaftsblogger wirklich jedes einzelne Wort- zurzeit aber- Journalismus ist ja manchmal nicht- kann nicht zu hundert Prozent genau sein damits verständlich bleibt. könnte man jetzt entgegenhalten, aber auf der anderen Seite kommen bei der Analyse auch Behauptungen ans Licht, die wohl einfach falsch sind, das zumindest sagen die Blogger, und dann hätte es ja auch schon wieder ne Berechtigung.

B: Und das wollen wir natürlich nicht, dass da falsche Sachen verbreitet werden. [-0:50]

Aus dieser knapp einminütigen Sequenz könnte man nun eine Menge herauslesen:

Beispielsweise, dass Wissenschaftsjournalismus nicht 100 %ig korrekt sein muss, solange jeder Depp was versteht. Aus rein wirtschaftlicher Sicht kann ich diesen Standpunkt sogar nachvollziehen: ein zu 100 % korrekter populärwissenschaftlicher Beitrag würde wohl nur von den Leuten gelesen werden, die den beschriebenen Sachverhalt auch ohne das populär- verstehen würden und demnach keine Populärwissenschaft bräuchten. In jeder anderen Hinsicht ist diese Aussage jedoch nicht nur unsinnig sondern auch noch gefährlich, da sie leicht verdaulichem Halbwissen und „wir machen uns die Welt wide-wiede-wie sie uns gefällt“ Tür und Tor öffnet. Eine solche Einstellung zur Korrespondenz wissenschaftlicher Themen ist gerade der Grund für eine so unreflektierte Verbreitung von sowas wie Pseudo-Medizin. Der Kreis schließt (sich?).

Die zweite Botschaft wäre wohl, das Wissenschaftsblogger, in der Regel selbst Wissenschaftler, Besserwisser sind. In diesem speziellen Fall wäre ich durchaus geneigt, dem Recht zu geben: Wer, wenn nicht die Wissenschaftler selbst, soll es denn besser wissen als andere? Wäre ich so jemand, würde ich den Begriff „Konnotation“ punktuell vergessen und den Titel „Besserwisser“ mit Stolz und Würde vor mir hertragen!

Eine dritte Sache, die man aus der Passage rauslesenhören könnte, wäre wohl der Vorwurf, gegen Wissenschaftler gerichtet, zu sehr detailverliebt zu sein und den Blick für das Große und Ganze aus den Augen zu verlieren. Spätestens hier wird offensichtlich, dass die beiden Moderatoren keine Ahnung von wissenschaftlicher Arbeit haben (war das allgemeingültig genug?). Keine noch so ganzheitliche Theorie ist auch nur einen Pfifferling wert, wenn sie in vielen kleinen Detailfragen keine prüfbaren Vorhersagen machen kann. Gerade deswegen ist es wichtig, die kleinen Dinge genau im Auge zu behalten, sei es bei der Beobachtung von Sonnenerruptionen oder bei der Analyse geschriebener Texte. Vielleicht wird das bei einem praxisnäherem Beispiel deutlich: Der Fall ist klar, wenn der Kommissar an den Tatort kommt, wo der Täter dem noch nicht ganz toten Opfer die Hand an die Gurgel presst. Dass der Mann dem Verblutenden die angeritzte Halsschlagader zudrückt ist… Was für eine Korintenkackerei…

Die vierte Sache, die man aus der oben transkribierten Passage rauslesen könnte, wäre die erstaunliche unser Weltbild verändernde Tatsache, dass man Dinge anhand ihrer Sprache analysieren kann. Bisher ist es noch nicht einmal gelungen einem Tier Sprache beizubringen, aber gleich Dingen? Das wäre in der Tat eine Sensation, meine ich. Außer vielleicht… Nein, mein angeborener Optimismus verbietet mir hier die Lesart, dass die Moderatoren bestimmte Menschen auf Objekte reduzieren und das auch noch so gemeint haben könnten (mein linguistisches Analysevermögen bestärkt mich in diesem Fall in meinem Optimismus).

Apropos linguistisches Fachwissen: Das fehlt den Moderatoren ohne jeden Zweifel, die, vielleicht sollte ich das nochmal hervorheben, bei einem Sender, der sich DRadio Wissen nennt, arbeiten! Anatol Stefanowitsch indirekt als jemanden zu bezeichnen, der eine Parawissenschaft betreibt ist schon ziemlich harter Tobak, zumal Moderator B mit keiner Silbe den Eindruck erweckt, Anatols Beitrag zu kennen. Aber auch A, der den Beitrag dem anderen „vorgestellt“ hat, macht keinerlei Anstalten ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Der Betroffene hat bereits in einem Kommentar Rechenschaft eingefordert. Ich schließe mich seiner hoffnunsvollen Erwartung einer Antwort an.

Sein Ego mal außer Acht gelassen, führt mir diese Passage aber noch ein anderes Problem direkt vor Augen: Beide Moderatoren haben offensichtlich keine Ahnung, worum es in der Sprachwissenschaft überhaupt geht. Mit ihrer Unkenntnis ist das Moderatorenduo nicht allein. Ich habe schon sehr oft mit dem Gedanken gespielt, ein Sachbuch mit dem Titel „Die Allgemeine Sprachwissenschaft. Was das ist, was man damit macht und welche Sprachen man nicht spricht.“ zu schreiben, weil es mir irgendwann zu blöd wurde, immer wieder die gleichen Antworten auf die gleichen Großen Drei Fragen („Was ist Sprachwissenschaft?“ „Welche Sprachen sprichst du?“ und „Was kann man damit später mal machen?“ bzw. „Wem nutzt das denn?“) geben zu müssen.

Let’s face it, die Linguistik ist ein Fach, mit dem keiner was anfangen kann, der nicht entweder von Haus aus sonderbar ist oder der gezwungenermaßen damit konfrontiert wird, beispielsweise ein Germanistikstudent im Grundstudium. Ich mache daraus nicht (nur) dem Laien einen Vorwurf, sondern auch unsereinem (und mir selbst vor allen anderen).

Bis heute haben es Sprachwissenschaftler nicht wirklich auf die Reihe gekriegt, ansprechend die Vielfalt und das breite Spektrum ihrer Arbeit der breiten Masse schmackhaft zu machen; bei ihr Interesse an Sprache und vor allem an der Erforschung ihrer Strukturen zu wecken.

Bei wohl den meisten Menschen wird das sprachwissenschaftliche Themenspektrum auf die grammatische oder pragmatische Analyse isolierter lexikalischer Ausdrücke Ausdrücke, die Auseinandersetzung mit Sprachkritik und/oder auf das Themenfeld der etymologischen Bedeutungsbestimmung reduziert. Sprachwissenschaftler tun sich jedoch aus irgendwelchen Gründen schwer damit, auch die Hintergründe und Methoden dieser eher marginal relevanten Teilgebiete ins Licht der Öffentlickeit zu rücken. Doch gerade die sind es, die einen gewichtigen Anteil an linguistischer Kernarbeit ausmachen und sich in allen wichtigen Bereichen wieder finden lassen. Von daher kann ich durchaus nachvollziehen, wie man als Außenstehender bei einer solchen nur oberflächlich interessant gemachten Themenwahl, deren Mittel, Wege und Grundlagen für Schlüsse für ihn im Verborgenen bleiben, die Linguistik für eine „Parawissenschaft“ halten kann.

Was aber keinesfalls heißen soll, dass man als Journalist, der in aller Öffentlichkeit eine Aussage über ein Fach trifft, ein „Außenstehender“ in eben diesem Fach sein sollte! Dann lieber dem Dieter Nuhr folgen und „einfach mal Fresse halten“.


* „insgesamt“ bezieht sich hier auf die Gesamtheit der (wissenschaftlich/kritischen) Rezensionen des GEO-Artikels im Netz.
Der Bezug zu den Parawissenschaften ergibt sich aus den vorangehenden Teilen des Beitrags, speziell auf das Akronym der GWUP e.V.: Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, deren Vorsitzender zu den Kritikern des Artikels gehörte.^