Wer hätte gedacht, dass ich in diesem Blog je wieder was Linguistisches schreiben würde? Aber der Artikel „Lernen von den Räubern“ auf Zeit Online schreit förmlich danach auseinandergerissen zu werden…
Kurzum geht es in dem Artikel darum, dass zwei „Wissenschaftler“ nachgewiesen haben wollen, dass das Englische keine westgermanische Sprache sei, sondern eine nordgermanische, also skandinavische. Das Altenglisch sei von den Wikingern verdrängt worden, das heutige Englisch habe sich dann aus dem Altnordischen herausentwickelt, statt, wie bislang angenommen, aus dem Altsächsischen.
Schon der Teaser-Text lässt vermuten, dass der Autor des Artikels nicht wirklich in dem Feld Bescheid weiß, über das er zu schreiben hatte:
Von wegen germanisch – stammt das Englische ursprünglich von den Wikingern?
Dass die Sprache der Wikinger, also Altnordisch, selbst eine germanische Sprache ist, hätte man nach 5 Minuten googlen herausbekommen können. Und überhaupt hatte der Autor wohl einige Probleme, die Begriffe „germanisch“ und „deutsch“ einzuordnen:
Das Idiom der Insel [gemeint ist England, Anm.] sei keine deutschstämmige, von Angeln und Sachsen zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert von Jütland her importierte Sprache, wie die Fach- und Laienwelt bislang annahm.
Das damit gemeinte Altsächsisch ist kein „deutsch“, wie das Attribut „deutschstämmig“ vermuten ließe, sondern eine lokale Weiterentwicklung der Sprache, aus dem sich auch das herausentwickelt hat, was man heute „Deutsche Sprache“ nennt. In das gleiche Fettnäpfchen tritt er auch mit folgender Behauptung:
Im herkömmlichen Schema bilden Westgermanisch, Nordgermanisch und das mit einem Kreuz versehene, weil ausgestorbene Ostgermanisch-Gotische die Hauptgruppen der deutschen Sprachen.
die angesprochenen „deutschen Sprachen“ gibt es nicht! Es gibt die germanischen Sprachen, aber germanisch ist nicht gleich deutsch.
Einer der beiden „Wissenschaftler“, so lässt uns der Artikel wissen, ist Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. Eine Information, die hier wohl einzig und allein dem Zweck dienen soll, die fachliche Autorität und Seriösität des Ideengebers für den Artikel zu unterstreichen, auch wenn für den weiteren Verlauf der Geschichte überhaupt keine Rolle spielt und ihre Intention stark in Zweifel gezogen werden darf.
Weiter schildert der Autor im Artikel, wie die beiden „Wissenschaftler“ auf die Idee, das Englische könne eine nordgermanische Sprache sein, gekommen sind:
Faarlund und Emmonds suchten ursprünglich eine Antwort auf ein altes Rätsel der Sprachwissenschaft: Warum unterscheidet sich die englische Grammatik so grundsätzlich von der ihrer vermeintlichen Schwestersprachen Deutsch und Niederländisch?
Zunächst mal ist mir neu, dass es sich dabei um ein Rätsel handelte, ging ich doch bislang davon aus, dass eine strukturelle Vereinfachung im Laufe einer Sprachentwicklung eher zu erwarten als ein Rätsel ist, aber geschenkt. Die Feststellung der Beiden hierauf ist, dass
[sich] in fast allen Fällen, in denen das Englische [bezüglich syntaktischer Eigenschaften vom Deutschen bzw. Niederländischen, Anm.] abweicht, dämmerte es Faarlund, […] dessen Satzbau mit der Syntax seiner Muttersprache [deckt].
Die Muttersprache wäre in dem Fall Norwegisch, wobei sich nicht sagen lässt, welche der beiden norwegischen Sprachen, Nynorsk oder Bokmål, gemeint ist. Offen bleibt auch, ob die Syntax in den Fällen, wo sich das Englische nicht vom Deutschen oder Niederländischen unterscheidet, ebenfalls mit dem Norwegischen deckt. Davon abgesehen ist es ziemlich sinnlos, das heutige Englisch mit dem heutigen Norwegisch direkt zu vergleichen, wenn man die Gleichheit einer früheren Sprachstufe belegen will. Was man hingegen vergleichen kann, um das zu zeigen, ist die Entwicklung beider Sprachen hin zu dem, was sie heute sind, wie gleich deutlich werden wird. So heisst es in dem Artikel weiter:
Traditionalisten beweisen die Zugehörigkeit des Englischen zum westgermanischen Sprachstamm mit der Wortähnlichkeit.
Nein, das tun nur Pseudowissenschaftler und Laien, die von diachroner Sprachwissenschaft keine Ahnung haben. Worauf es eigentlich ankommt ist die Regelhaftigkeit, mit der sich Wortähnlichkeiten herleiten lassen.
Dazu ein Beispiel. Wir vergleichen die Wortpaare „drei“ <-> “three”, „dies“ <-> “this” und „dank“ <-> “thank”. Es fällt sofort auf, dass diese Worte jeweils ähnlich klingen, doch reicht es nicht, davon jetzt auf eine Verwandschaft zu schließen, es könnte ja sein, dass diese Worte von der einen in die andere Sprache entlehnt wurden. Was fehlt ist eine Regelmäßigkeit. Das ist hier gegeben: Wir sehen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem /d/ am Anfang eines deutschen, und dem /ð/ am Anfang eines englischen Wortes (geschrieben als <th>) zu geben scheint. Also nehmen wir an, dass es irgendwann mal eine gemeinsame Sprachstufe gegeben hat, wo diese Wörter an der Stelle noch identisch waren und ein Proto-d oder ein Proto-ð an ihrem Anfang hatten. Dann haben sich die Sprecher getrennt und die einen haben den Proto-Laut beibehalten, die anderen haben ihn zum /d/ (oder zum /ð/, je nachdem, was man als Proto-Laut identifizieren und belegen kann) weiterentwickelt. Die Möglichkeit, dass es einen dritten Proto-Laut gegeben haben könnte, aus dem sich sowohl /d/ als auch /ð/ heraus entwickelten, lassen wir jetzt mal der Einfachheit halber außer acht. Dann prüfen wir unsere Hypothese, denn sie macht eine klare Vorhersage: Überall, wo der Proto-Laut auftaucht, müssen wir in den beiden Zielsprachen die Analogie der Veränderung erkennen können. Wir schauen also nach und finden weitere Wortpaare, wo sich diese Regel bestätigt: „Ding“ <-> “Thing”, „Dorn“ <-> “Thorn”, aber auch „die“ <-> “the”, „dass“ <-> “that”, usw. Irgendwann werden wir an einen Punkt kommen, wo das nicht mehr zutrifft, etwa bei „Dorf“ <-> “Village”. Für solche Fälle brauchen wir zusätzliche Annahmen. Bekannt aus der englischen Geschichte ist, dass England lange Zeit von den Normannen und ihrem Französisch beeinflusst wurde; dass es sich bei “village” um ein französisches Lehnwort handelt, welches das ursprüngliche englische Wort für „Dorf“ verdrängt hat, sollte dann offensichtlich sein. Finden wir aber solche Regeln und Erklärungen für sehr viele Fälle von Wortähnlichkeiten, ist das ein starkes Indiz dafür, dass die beiden entsprechenden Sprachen miteinander verwandt sind, das heisst, sich aus derselben Ursprache heraus entwickelt haben.
Der norwegische „Wissenschaftler“ scheint diese Methode zu kennen, jedoch nicht viel mit ihr anfangen zu können:
Ihnen zufolge stammt das englische I im ersten Beispiel [“i have read a book”, Anm.] vom althochdeutschen ih ab, have von Althochdeutsch habèn,read vom altsächsichen radan und book von Althochdeutsch buoh. Nur weil das Wort “Kaffee” in den meisten Sprachen vorkomme, seien die doch nicht verwandt, hält der rebellische Norweger dagegen. Außerdem: Könnte das englische I nicht genauso gut dem Altnordischen ek und die anderen Vokabeln des Satzes mit den altnordischen Begriffen hafa, rátha und bók verwandt sein?
Natürlich kann es das. Ist es auch, das bestreitet niemand ernsthaft, eben weil die englische und die norwegische Sprache nachweislich miteinander verwandt sind, wie auch das heutige Deutsche und das heutige Norwegische verwandt sind. Es geht doch aber nicht um die Frage, ob sie verwandt sind, sondern zu welchem Grad.
Der „Wissenschaftler“ wird konkreter:
Die Angeln und Sachsen sagten niman, ähnlich dem deutschen “nehmen”. Im Englischen gibt es das Verb nicht mehr, heute sagt man take – das komme vom skandinavischen taka. Nicht anders stehe es um they und them, die ähnelten den skandinavischen dey und dem, nicht den deutschen “sie” und “ihnen.” Das treffe auf Tausende Vokabeln zu.
Es mag durchaus richtig sein, dass “take”, “them” und “they” Lehnwörter aus dem Altnordischen sind, soweit ich weiß ist das auch allgemein anerkannt in der historischen Sprachwissenschaft des Englischen. Ob er die nicht-Aussagekraft der Ähnlichkeit isolierter Wörter (auch wenn es „Tausende“ sind) sowie die Methodik der Analyse von Lautverschiebungen entweder nicht versteht oder sie schlicht ablehnt, wird meiner Ansicht nach nicht deutlich. So oder so sagt das aber viel über die wissenschaftliche Qualität seiner Arbeit aus, welcher der Zeit-Artikel zu Grunde liegt.
Einem richtigen Sprachwissenschaftler dürfte es indes leicht fallen, die kruden Thesen des Norwegers und seines tschechsichen Kollegen zu widerlegen, nämlich indem er oder sie nachweist, dass sowohl das Englische als auch das Deutsche (kurz alle westgermanischen Sprachen) eine lautliche Entwicklung durchgemacht haben, welche alle skandinavischen (also nordgermanischen) Sprachen nicht durchgemacht haben. Damit wäre nachgewiesen, dass sich die skandinavischen Sprachen von einer gemeinsamen Ursprache abspalteten, bevor sich das heutige Englische und das heutige Deutsche auseinanderentwickelt haben, was bedeutet, dass das Englische eine westgermanische, nicht aber eine nordgermanische Sprache ist. Ohne jetzt eine Literaturrecherche gemacht zu haben – es würde mich schon sehr wundern, wenn eben dieser Nachweis nicht längst erbracht wurde.
Der Artikel jedenfalls schweigt sich über diese Möglichkeit aus, verkauft unwissenschaftlichen Unfug als bahnbrechende neue Erkenntnis und gibt Pseudowissenschaftlern, Akademiemitglied hin oder her, eine Plattform, die weder sie noch ihre Theorien verdienen.
Update (5 Minuten oder so später): Die Linguisten aus der sprachlog-WG haben die Arbeit des norwegischen Wissenschaftlers schon vor Monaten auseinander genommen. Hier gehts lang.

